EN15567-2013

Die neue Seilgartennorm ist fertig … noch nicht ganz!

Gastbeitrag von Walter Siebert

Sie ist in der Begutachtungsphase, daher heißt sie prEN 15567:2013. Das bedeutet: Die Normungskommission hat ihre Arbeit beendet (für diese sicher nicht leichte Arbeit möchte ich allen Mitwirkenden danken) und die Öffentlichkeit (also Du und ich) kann sie kaufen, begutachten und gegebenfalls Einspruch erheben.

Normen sind annähernd verbindlich wie ein Gesetz

Hierzu noch ein paar Hintergrundinfos: Normen sind kein Gesetz, wird immer wieder betont, aber aus meiner Erfahrung als Gerichtsgutachter kann ich sagen: Sie sind so gut wie ein Gesetz. Wer sie nicht einhält, hat massiven Erklärungsbedarf. Wer sie hingegen einhält, für den gilt die „Unschuldsvermutung“.

Normen werden von privaten Vereinen erarbeitet (in diesem Fall das deutsche und internationale Normungsinstitut). Ich habe zu diesem Thema schon einen (kritischen) Blogbeitrag geschrieben.

Wenn jemand Einspruch erhebt, dann entscheidet das Normungsgremium, ob es sich mit diesem Einspruch beschäftigen soll. Erfahrungsgemäß werden Einsprüche nicht behandelt. Es besteht aber Hoffnung, wenn eine breite Öffentlichkeit aktiv wird.

Vergleich: Alte vs. neue Norm

Leider kenne ich keine Liste der Veränderungen gegenüber der alten Norm. Deswegen habe ich die alte Version mit der neuen verglichen (sowohl die englische als auch die deutsche). Und dann noch die neue englische mit der neuen deutschen, denn es gibt gravierende Unterschiede zwischen der englischen Originalfassung und der deutschen Übersetzung. Da ich ein Freund der Kooperation bin und es wenig Sinn macht, wenn jeder sich diese Arbeit macht, stelle ich mein Ergebnis auf Anfrage gerne zur Verfügung: Tabelle mit Änderungen und Tabelle mit Übersetzungsunterschieden. (Falls jemand weiß, wo man die Veränderungsliste bekommt, bitte ich um Info.)

„Shall“ (englisch) = „muss“ „oder „sollte“
Für alle, die sich mit der Norm beschäftigen, noch ein wichtiges Detail: Es macht einen sehr großen Unterschied, ob „Shall“ (muss) oder should (sollte) steht:

Zitate aus der neuen ISO 17020:2013:

  • „muss/müssen“ wird verwendet, um auf eine Anforderung hinzuweisen; (en.: shall)
  • „sollte/sollten“ wird verwendet, um auf eine Empfehlung hinzuweisen; (en.: should)
  • „darf/dürfen“ wird verwendet, um auf eine Erlaubnis hinzuweisen; (en.: may)
  • Zusätzlich wird noch für „Shall“ die Übersetzung „ist … zu tun“ verwendet.

Für einen Seilgartenprüfer sind die Unterschiede zwischen „shall“ (=Muss-Bestimmung) und „should“ (=Empfehlung) besonders wichtig: Wenn er die Normkonformität bestätigen soll, hat er bei einer Muss-Bestimmung keinen Ermessensspielraum.

Einige Punkte sind mir sofort aufgefallen. Ich glaube, sie könnten weitreichende Konsequenzen haben:

I.  Die Ablagereife für Stahlseile bei Drahtbrüchen wurde definiert! Bei mehr als 2 Drahtbrüchen auf einem Seilstück 30 Mal Seildurchmesser (bei 10 mm Seil also 30 cm) ist die Ablagereife erreicht. (Kap. 4.2.4.)

Das bedeutet: Wenn ich wo 3 Drahtbrüche sehe, muss ich das Element sofort sperren.

Kommentar: Diese Bestimmung ist in den meisten Fällen kein Sicherheitsthema. Bei den meisten Sicherungsseilen in Seilgärten (ich würde sagen bei mehr als 95%) besteht enorme Sicherheitsreserve. Eine Litze (19 Drähte) kann problemlos die Last tragen. Bei 30 Drahtbrüchen hätten wir immer noch über 50% Sicherheitsreserve.

Die Folgen dieser Bestimmung sind eine sofortige Sperre bei 3 gebrochenen Drähten auf 30 cm beim 10 mm Stahlseil. Das kann zu Saisonbeginn wegen der Lieferzeit von Stahlseilen erhebliche Einbußen bedeuten. Es würden auch wesentlich mehr Stahlseile gekauft. Ich würde mir wünschen, dass das Geld statt dessen in Sicherheitsmaßnahmen gesteckt wird.

Ein weiteres Thema ist die Nachhaltigkeit: Zu früh abgelegte Stahlseile (verzinkt und mit hohem Energieaufwand hergestellt) sind eine unnötige Umweltbelastung.

Es ist ein sehr großer Unterschied, ob es sich um Knick- bzw. Scheuerstellen handelt (die haben bisher zu Drahtseilbrüchen geführt), oder um Abnützungs/Ermüdungserscheinungen auf der freien Strecke (mir ist noch kein Seilriss bekannt), und ob es ein 10mm oder 12mm Stahlseil ist.

Die Stahlseilrisse, die ich kenne, waren konstruktive Fehler, die nie inspiziert wurden, wo ein Seil so lange geknickt oder durchgescheuert wurde, bis es schließlich ab war. Gegen Ende waren sicher schon fast alle Litzen abgerissen, was am ersten Blick sichtbar gewesen wäre – es hat aber niemand hingeschaut.

Lösungsidee: Bei Knick/Scheuerstellen ist diese Stelle ab dem ersten Drahtbruch in der täglichen Inspektion auf Veränderungen zu prüfen und, bevor die 1. Litze „durch“ ist, zu sperren.

Auf der freien Strecke: Bei mehr als 2 Drahtbrüchen auf 30 * d ist das Stahlseil in der täglichen Inspektion auf Veränderungen zu prüfen und bei 10 Drahtbrüchen auf 30 d abzulegen.

 

II. Eine Muss-Bestimmung wurde beim Baumgutachten eingefügt: Es muss das Alter eines jeden Baums festgestellt werden. („As a minumum, the inspection shall include an assessment of each trees age (if possible)).

Wie und wozu das erfolgen muss, würde ich hinterfragen. Es ist ebenfalls kein Sicherheitsthema. Ich kenne (wenn man den Zeitpunkt der Anpflanzung nicht mehr kennt) keinen anderen Weg als Bohren und die Jahresringe zu zählen. Das kritische ist das Wort „feststellen“. Schätzen ist somit nicht zulässig.

Meine Lösungsidee: die Bestimmung ganz weglassen, das Wort „feststellen“ durch „schätzen“ ersetzen oder zur kann-Bestimmung machen.

 

III: Plattformen müssen „fixed and stable“ sein: (4.3.4.3.) – fest angebracht und stabil.

Das bedeutet, dass schwingend aufgehängte Plattformen nicht mehr zulässig sind. Ich kenne viele geniale Lösungen, wo Plattformen aufgehängt wurden, die über Jahre gut funktioniert haben. Die meisten Baumhäuser (per Definition Plattformen) sind auch schwingend aufgehängt.

Mir ist auch hier nicht der Nutzen dieser Muss-Bestimmung klar.

Idee habe ich keine (außer ersatzlos streichen), man müsste die Autoren der Norm fragen müsste, wo es denn Probleme gibt.

 

IV. Ein Retter muss von jeder Stelle des Hochseilgartens retten können (Teil 2, Punkt 3.3.: „rescuer = instructor with the skills and competence to remove safely a casualty from any location on the ropes course)

Das bedeutet, dass jeder Retter die Fähigkeit haben muss , zu jeder Baumabspannung, zu jeder Aufhängung usw. zu klettern und von dort jemanden zu retten.

 Kommentar: Manche Stellen des Seilgartens sind nur sehr schwierig zu erreichen und werden nur ein Mal/Jahr bei der Inspektion “besucht” (manchmal nur mit Hebebühne oder aufwändigen Baumklettertechniken zu erreichen). Ein Teilnehmer wird dort nie hinkommen. Die Fähigkeit, von dort jemanden zu retten, kann erheblich sein – und ich kenne keine entsprechenden Anlassfälle.

Idee: den Satz einfügen „jede Stelle, wo Teilnehmer bei Verwendung der Sicherung hingelangen kann.“

Das sind Punkte, bei denen ich glaube, dass die Community gut daran tut, sich einzubringen. Die nächste Überarbeitung gibt es erst in 5 Jahren.

 

Zum Abschluss vier Punkte, die ich begrüße:

  • Die Handpressverbindungen wurden aufgenommen, und es muss kein Dauerschwingtest gemacht werden.
  • Seile mit Kunststoffeinlage, sogar Kunststoffseile dürfen nun ausdrücklich verwendet werden.
  • Es wurde auf die unterschiedlichen Sicherungssysteme Rücksicht genommen: Von normalen Schraubkarabinern über intelligente Systeme mit kommunizierenden Systemen bis zu Schienensystemen wird nun unterschieden.
  • Die Inspektoren müssen nun im Bereich Seilgärten sachkundig sein und müssen hinaufklettern.

Es besteht nun die große Chance etwas, das uns alle betrifft, mitzugestalten. Ich freue mich über einen regen Austausch, hier gemeinsam gute Lösungen zu finden.

 

Praxisbeispiele als Ausgangsbasis für eine Diskussion.

Die Folgen der angedachten neuen Bestimmung bedeuten eine sofortige Sperrung des Elementes bei 3 gebrochenen Drähten auf 30 cm beim 10 mm Stahlseil. Hier nun einige bildhafte Beispiele aus der Praxis. Ihr dürft gerne mit diskutieren!

Dazu Walter Siebert: „Entscheidungen sind je nach Situation zu treffen: Wie hoch ist die Belastung? Wie dick ist das Stahlseil? Wie hoch ist die Frequenz? Wie groß ist die Möglichkeit der weiteren Verschlimmerung?“

 Beispiel 1:

Versehentlich angeflextes Elementseil

Versehentlich angeflextes Elementseil (sicherheitskritisch, weil darunter Personen sind). Belastung maximal 4 kN.

Meine Entscheidung: Auf Veränderung beobachten, nicht ablegen.

 

Beispiel 2:

Knickstelle mit 4 Drahtbrüchen

Meine Entscheidung:
Beobachten, ob es sich verändert, neues Stahlseil bestellen und bei weiteren Drahtbrüchen austauschen
(kein Termin genannt, wahrscheinlich in einigen Wochen der Fall).

Beispiel 3:

Die Litze ist beinahe „durch“

Meine Entscheidung:
Dieses Element ist sofort zu sperren

Beispiel 4:

Meine Entscheidung: Elementaufhängung

Dieses Szenario ist kritisch, weil Besucher unterhalb sein können: Die Aufhängung wurde verschoben, daher wird es zu keiner weiteren Verschlechterung kommen.

Meine Entscheidung:
In der operativen Inspektion beobachten.(Fotovergleich vorher-nachher).

Beispiele 5, 6 und 7:

Flying Fox Seile:

Flying Fox Seil

Flying Fox Seil

Flying Fox Seil

Flying Fox Seil

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier sind –zig Drahtbrüche auf 30*d.
Meine Entscheidung:
Sperren.

 

Kommentar der Redaktion: Unterhalb dieses Artikels oder via Facebook könnt und sollt ihr dieses Thema diskutieren.

 

Zum Autor:

Walter Siebert – renommierter Hochseilgarten-Experte aus Wien – kennt wohl jeder in der Szene.

  • Über ein Viertel Jahrhundert Erfahrung mit Hochseilgärten.
  • Unabhängige Inspektionsstelle für Seilgärten und Abenteuerparks
  • Zertifizierter Gerichtssachverständiger (Gutachter) für Ropes Courses, Outdoor Trainings, Alpinistik
  • Seit 2008 unabhängige Inspektionsstelle Typ A gemäß ISO/IEC 17020. Übrigens die einzige unabhängige Inspektor für die Erstabnahme von Hochseilgärten im deutschsprachigen Europa!
  • Bis Ende 2011: Mitglied des Geschäftsführenden Vorstands der ERCA / Mitglied der ERCA Sicherheitskommission / Österreich-Ländervertreter der ERCA / unabhängige ERCA-akkreditierte Inspektionsstelle.
  • Zahlreiche Publikationen

 

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3 Gedanken zu „Die neue Seilgartennorm ist fertig … noch nicht ganz!

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  2. Walter Siebert

    Seilriss auf freier Strecke
    Kürzlich habe ich die Information bekommen, dass ein Zip Line Seil auf freier Strecke gerissen ist.
    Es war am Jahresbeginn (durch einen Typ A Inspektor) inspiziert worden und ist dann während des Jahres nach über 40.000 Teilnehmern gerissen, ohne dass es zwischenzeitlich inspiziert wurde.
    Es wäre sinnvoll, die Norm so abzuändern, dass der Seilgarteninspektor bei kritischen Anwendungen die Teilnehmerzahl für die operative Inspektion dazuschreibt. 3 Monate kann zu viel sein.

    Auch dieser Seilriss wird durch die neue Bestimmung (ab 3 Drahtbrüchen sperren) nicht verhindert. Niemand hat bemerkt, dass bereits ganze Litzen durch sind.

  3. ERCA Vorstand

    Der ERCA Vorstand freut sich über jede Beteiligung an der Überarbeitung der EN 15567, denn das wird die Norm besser machen! Wir unterstützen Walter Siebert’s Kommentare teilweise, z.B. die Vorschläge über Plattformen und Rettungen. Wir möchten unseren Mitgliedern aber zusätzliche Informationen über Normen im Allgemeinen und Ablegeempfehlungen für Drahtseile im Speziellen geben. Bitte besucht http://www.erca.cc – dort gibt es einen umfangreichen Beitrag von Nick Moriarty zu diesem Thema. Wir freuen uns auf eure Kommentare und Diskussionen!

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