Sicheres pädagogisches Arbeiten im Seilgarten – die SpAiS AG

Die neue ERCA-Arbeitsgruppe “Sicheres pädagogisches Arbeiten im Seilgarten“, kurz „SpAiS“ wurde auf der Mitglieder- versammlung der ERCA 2012 ins Leben gerufen. Vor allem die Interessen von pädagogisch arbeitenden Trainern und Anbietern will diese Gruppe transparent vertreten. Wir wollen mehr wissen und fragten nach bei den Gründer der AG Kirsten Kalberla, Sven Schuh und Jan Biskup.

Ein Interview mit Kirsten Kalberla.

Hallo Kirsten, was war der Anlass für Euch, diese Arbeitsgruppe zu bilden?

Ich weiß von einigen Kollegen, dass die Idee schon seit mehreren Jahren in vielen Köpfen existiert. Auf der Mitgliederversammlung der ERCA im Jahr 2012 war die Zeit dann reif.
Es gab mehrere kleine Gruppen und auch Einzelpersonen, die unabhängig voneinander eine pädagogisch orientierte Ag gründen wollten. Schnell hatte sich die mittlerweile über 40 Mitglieder / Anbieter starke Gruppe zusammengefunden. Ich denke, da kamen einige Aspekte zusammen: Unzufriedenheit mit den Gegebenheiten, der Wunsch nach Veränderungen und mehr Mitgestaltung und auch nach einem höheren Gewicht der pädagogischen Belange innerhalb der ERCA.

Welche Schwerpunktthemen liegen Euch besonders am Herzen?

Uns liegt vor allem das pädagogische oder auch therapeutische Arbeiten mit dem Menschen innerhalb der Seilgärten am Herzen.
Das zielgruppen- und bedarfsgerechte Arbeiten sollte nicht durch unpassende Techniken oder ein zu starres Normenkorsett beeinträchtigt werden. Unsere Sicherheitskonzepte und unser pädagogischer Anspruch sollen nicht durch Prozeduren abgesenkt werden, die vielleicht auf andere Seilgartentypen passen, aber mit unserer Arbeit wenig vereinbar sind.

Ein wichtiges Anliegen ist uns auch die eigene Standortbestimmung innerhalb der Branche nach innen und außen. Mit der Zunahme der Vielfalt von Angeboten in der Seilgartenbranche wird es für potentielle Kunden immer unübersichtlicher.
Vereinfacht gesagt sollte es Menschen, die unsere Angebote in Anspruch nehmen, klar sein, ob sie sich bei touristischen Angeboten eine Auszeit von der komplexen Welt nehmen, oder ob sie sich pädagogisch begleitet mit ihrer Welt aktiv auseinandersetzen möchten.
Es versteht sich von selbst, dass es dazwischen noch etliche andere Motivationen gibt. Das sollte durch unseren Verband und die Anbieter der Branche dem Kunden gegenüber verständlich und transparent gemacht werden.

Des Weiteren halten wir die Vernetzung und den Austausch mit anderen Verbänden und Arbeitskreisen, wie z.B. dem Bundesverband Individual- und Erlebnispädagogik und der ERCA-Ag “Menschen mit Behinderung im Ropes Course“ [Anmerkung der Redaktion: einen Artikel zu der AG findest Du hier] für sehr wichtig.

 

In dem SpAiS-Flyer ist die Rede von „back to the roots“. Was ist damit genau gemeint?

© B. Wylezich – Fotolia.com

Als die ERCA (damals GRCA, German Ropes Courses Association) 1998 gegründet wurde, lag der Fokus hauptsächlich auf traditionellen Seilgärten. Obwohl in der Gründungsphase bereits Österreicher und Belgier beteiligt waren, wurde erst 2003 aus der GRCA die europäische ERCA (European Ropes Courses Association). Inzwischen hat sich die ERCA zu einer europäischen Organisation entwickelt, die auch immer mehr touristisch arbeitende Seilgartenbetreiber zu ihren Mitgliedern zählt.
Was heißt Back to the Roots? Dort wieder ansetzen, wo die ERCA 1998 gestartet ist?
Ja und Nein. Ja, insofern dass die traditionelle, pädagogische Arbeit wieder mehr in den Vordergrund der ERCA treten sollte. Ganz gleich, ob es sich um traditionelle, temporäre oder stationäre Anlagen handelt. Und Nein, sicherlich möchten wir nicht auf unsere Nationalitätenvielfalt und auf die Vertreter aus der eher touristischen Seilgartenbranche verzichten.

 

Euer Hauptaugenmerk liegt auf den Traditionellen Seilgärten (Top-Rope)?

Unser Hauptaugenmerk liegt auf dem pädagogischen Arbeiten in allen Seilgartentypen, d.h. in traditionellen, temporären Seilgärten oder mit einzelnen Seilgartenelementen. Momentan betreiben unsere Mitglieder vorwiegend TopRope-Anlagen mit Fremdsicherung und natürlich auch niedrige Seilelemente. In Zukunft möchte die SpAiS-Ag auch die pädagogische Arbeit in Adventure Parks mitberücksichtigt wissen. Interessierte sind herzlich willkommen!

 

Seitens der ERCA wird neuerdings, wie ich hörte, die Doppelseiltechnik bei der Rettung favorisiert. Wie steht ihr dazu?

Beim letzten Ag-Treffen haben wir beschlossen, diesbezüglich ein Statement an den ERCA-Vorstand und die weiteren ERCA-Ag´s zu verfassen. Das Einverständnis der nicht anwesenden SpAis-ler war überwältigend und so wurde das unverzüglich auf den Weg gebracht:

„Wir als ERCA- Arbeitsgruppe der pädagogisch arbeitenden ERCA-Mitglieder erkennen in den immer stärker werdenden Regulierungen besonders in den Bereichen Rettung und Sicherungstechniken durch die ERCA eine zunehmende Einschränkung in unserer Arbeit und eine fehlende Praxisnähe. Daher möchten wir als 40 Mitglieder starke Arbeitsgruppe anregen, unsere Bedenken und Anliegen in den übrigen Arbeitsgruppen zu hören und zu berücksichtigen und weitere Entscheidungen, die eine Regulierungen vorantreiben bis dahin zu stoppen.“

Ich glaube das Statement spricht für sich. Darunter fallen für uns Themen wie die „Doppelseiltechnik“ bei der Rettung. Auch die „Sicherungstechnik“ – hier sollte es Empfehlungen und keine Ausschlüsse geben: Bewährte Techniken sollten erlaubt sein, wie z.B. HMS mit Hintersicherung durch Kurzprusik. Weitere Themen sind die „Ablegereife von Materialien“ (PSA-Prüfung), die „Inspektion von Kleinanlagen“ sowie die „Umsetzung der Punkte in der Ausbildung“ (Aufbildungsaufwand) etc..

So wenig Technik wie möglich, aber so viel Technik wie nötig
Unser Credo lautet: „So wenig Technik wie möglich, aber so viel Technik wie nötig.“ Wir wollen die eigene Arbeit nicht technologisieren und auch kein enges Normenkorsett. Eine Prüfung relevanter ERCA-Standards hinsichtlich der Anwendbarkeit in traditionellen, temporären und Kleinst-Top-Rope-Anlagen wurde nun auf den Weg gebracht.
Wir sind gespannt, wie und wann unsere Anregungen konstruktiv umgesetzt werden.

 

Lernen geschieht nachhaltig durch eigenes Tun, durch selbst gemachte Erfahrungen – und ist nicht nur eine rein kognitive Angelegenheit. Wirksames Lernen geschieht ganzheitlich mit allen Sinnen. Unter diesem erlebnispädagogischen Blickwinkel ist der traditionelle Hochseilgarten (und Niedrigseilgarten) als ein Medium für pädagogische Ziele zu verstehen.
Ist eine solche Arbeit denn heute überhaupt noch „gefragt“? Oder eben besonders gefragt?

Foto: flowventure Erlebnispädagogik

Ganzheitliches Lernen ist heute besonders gefragt. Erkenntnisse der Gehirnforschung des letzten Jahrzehnts belegen, dass multi-sensorisches Lernen für den Lernerfolg von grundlegender Bedeutung ist, und zwar für Lernende jeden Alters und jeder Fachrichtung.
Bildung und Kompetenzen vermittelt man nicht nur Heranwachsenden dann am besten, wenn diese nicht merken, dass Bildung oder „Erziehung“ beabsichtigt ist. Wichtig ist auch, dass die Teilnehmer deutlich reflektieren können, was sie an Gelerntem mitnehmen. Auch im außerschulischen Bereich bieten sich hier neue und ergänzende Wege des Lernens.
Auch im Bereich der Erwachsenenbildung können relevante und komplexe Themen im Unternehmen in Form von handlungsorientierten Elementen abgebildet und dargestellt werden. Das Ansprechen des Menschen auf allen Ebenen – physisch, kognitiv und emotional – macht das zu einer wirkungsvollen Methode in der Personal- und Organisationsentwicklung.

 

Hier drängt sich für Kritiker die Frage nach der Nachhaltigkeit von pädagogischem Arbeiten im Seilgarten auf. Könnt Ihr uns darüber etwas sagen?

Die Nachhaltigkeit im Sinne eines Erfahrungstransfers in den Alltag hängt meiner Meinung nach maßgeblich von der zeitlichen Dauer der Veranstaltung, der bedarfsgerechten Didaktik und Prozessbegleitung der betreuenden Referenten, dem Betreuungsschlüssel und natürlich auch von reflexions-, und transferunterstützenden Maßnahmen ab. Meiner Meinung nach dürfen Seilgartenelemente nicht isoliert betrachtet werden. Sie sind im Rahmen der pädagogischen Arbeit immer eingebettet in andere Aktivitäten und in ein didaktisches Gesamtkonzept. Wesentliche Elemente sind die Moderations- und Reflexionsunterstützung der Teilnehmer.
Last but not least ist handlungsorientiertes Lernen als eine von vielen pädagogischen Methoden zu sehen, die nicht wie eine „Wunderpille“ anstelle von, sondern in Kombination mit anderen, alltagsbegleitenden Maßnahmen angewendet werden sollte. Im non-profit Bereich bei Kinder- und Jugendgruppen bedeutet dies, dass sich die Transferchancen erheblich erhöhen, wenn die Multiplikatoren (Lehrer, Jugendgruppenleiter etc.) an den Prozessen ihrer Schützlinge partizipieren und Eigenverantwortung und Lernerfolg durch Vor- und Nachbereitungen unterstützen und in den Alltag integrieren.

 

Was die Nachhaltigkeit im Sinne der UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung angeht, so kann das erlebnispädagogische Arbeiten unterstützt durch das Medium Seilgarten einen Beitrag leisten. Handlungsorientiertes Lernen ist eine sehr gute Methode, um Fähigkeiten wie Teamarbeit, vorausschauendes Denken und Empathie zu vermitteln. Lernende eignen sich solche Gestaltungskompetenzen am besten an, wenn sie ganz konkret selber handeln und planen können.

 

Wie kann ich als RC-Trainer vor Ort von Eurer Arbeit profitieren?
Und wie kann ich die AG unterstützen?

Unterstützen: Aktiv beteiligen! Rückmeldungen geben! Anregungen schreiben!
Die SpAis-Ag hat mit dem Statement zur Prüfung relevanter ERCA-Standards hinsichtlich der Anwendbarkeit in traditionellen, temporären und Kleinst-Top-Rope-Anlagen einen ersten Schritt für mehr Klarheit unternommen. Ich hoffe natürlich, dass sich daraus bald Verbesserungen für uns alle ergeben werden.

Unser nächstes Treffen wird auf der ERCA-Mitgliederversammlung im Januar 2013 stattfinden. Die Ag wird auch einen interaktiven Stand betreiben, der mit Sicherheit nicht nur für pädagogisch arbeitende Personen interessant ist. Hier bietet sich auch eine gute Möglichkeit, die Ag kennen zu lernen und zu partizipieren. Unsere Ag ist natürlich auch für Nicht-ERCA-Mitglieder geöffnet. Bei Interesse an einer Beteiligung bitte einfach eine Mail an spais@erca.cc oder direkt an kirstenkalberla@flowventure.de senden.

 

Eure Wünsche für die Zukunft?

Qualität braucht Mut“ – der neue Slogan des Kletterwald Magazins trifft es ganz gut.
Das schnelle Anwachsen der Mitgliederzahlen und das Engagement innerhalb der SpAiS-Ag zeigt Mut zur Veränderung. Es geht um langfristiges Denken und Handeln und das Übernehmen von Verantwortung. In der Branche sollte weniger das wirtschaftliche Interesse dominieren. Im Vordergrund sollte das moralische Interesse am Wohl des Menschen und das Gemeinwohl stehen. Gerade die aktuellen Unfallzahlen aus Adventureparks, die auf dem 2. International Adventure Park Congress (IAPC) veröffentlicht wurden, sind für die gesamte Branche dramatisch und alarmierend, siehe: http://www.hochseilgarten-kletterwald.de/news/2-internationale-adventure-park-congress-ein-erfahrungsbericht/.
Von tragischen Ereignissen und Unfällen erholt sich die Branche nur schwer und von einem schwarzen Schaf wird schnell auf die ganze Branche geschlossen. Wir sollten agieren, bevor wir auf behördliche Regulierung nur noch reagieren können.
Maßgeblich ist, dass wir (Seilgartenbauer, Ausbildungs- und Inspektionsstellen, Organisationen und Trainer, die temporäre, mobile und stationäre Seilgärten betreiben) mit den uns anvertrauten Menschen verantwortungsvoll umgehen, denn Sicherheit und Qualität ist wesentlich für den Fortbestand unserer Branche!

Zur Person:
Dipl. Päd. Kirsten Kalberla, Gründungsmitglied der SpAiS-AG
Geschäftsführung von flowventure Erlebnispädagogik
Flowventure: Prozessbegleitung & Erlebnispädagogik
Offizielles Projekt der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“
2009/10 und 2011/12

Download: Der SpAiS-Flyer (1,7 MB – pdf-Dokument)

Das Interview wurde geführt von Andreas Dudda [Herausgeber des KLETTERGARTEN MAGAZINs]

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